FRITZ LANG – Auf der Spur der Bestie

Fritz Lang

Es gibt Filmmusik, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Violinen in der Duschszene von „Psycho“, das nur aus zwei Noten bestehende Thema beim Herannahen des Monstrums in „Der weiße Hai“ – oder auch die gepfiffene Melodie in  „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931).

Eben dieses Liedchen („Peer-Gynt-Suite“ von Edvard Grieg) verursacht Gänsehaut bei mir, wann immer ich es höre. In „M“ pfeift Kindermörder Hans Beckert (Peter Lorre) diese Melodie. Ein Blinder erkennt sie und überführt die Bestie. Die Erkenntnis am Ende: Dem Mörder wird der Prozess gemacht, aber die getöteten Kinder bringt das nicht zurück. „M“ war Fritz Langs („Metropolis“, „Dr. Mabuse“) erster Tonfilm. Ein Meilenstein, auch weil es dem Österreicher gelang, die Möglichkeiten des neuen Mediums nicht nur zu bedienen, sondern künstlerisch auszuschöpfen.

Was hat Fritz Lang dazu bewogen, sich diesem Thema zu widmen? Was hat ihn zu dem Drehbuch inspiriert? Wie denkt man sich in die Psyche eines Mörders? Diesen Fragen versucht der Historiker Gordian Maugg in seinem Film „Fritz Lang“ (2016) auf den Grund zu gehen. Kein Dokumentarfilm, sondern ein Spielfilm, der Fiktion und Realität miteinander verwebt – mit Heino Ferch, der Allzweckwaffe des deutschen Films, in der Titelrolle.

Vor allem in Hollywood ein beliebter Stoff – der Einblick in die Film- bzw. Theaterbranche und in die Entstehungsgeschichte eines bekannten Werkes. „Saving Mr. Banks“ (Mary Poppins) und „Hitchcock“ (Psycho) sind mehr oder weniger gelungene Beispiele dafür. Am ähnlichsten ist „Fritz Lang“ jedoch „Shakespeare in Love“. Auch wenn der Film kein bisschen romantisch ist, die Parallelen liegen auf der Hand: Ein Autor mit Schreibblockade auf der Suche nach Inspiration. Bei „Shakespeare“ ist es Lady Viola, die ihn die Muse küssen lässt (und einiges mehr). Bei „Fritz Lang“ ist die Bestie von Düsseldorf – der Massenmörder Peter Kürten. Der Autor überwindet seine Blockade. Und am Ende steht ein fertiges Drehbuch. Auch wenn das meiste davon rein spekulativ ist, für einen spannenden wie unterhaltsamen Film reicht das allemal.

Die Leiche im Keller

Und dieser Fritz Lang war kein Kind von Traurigkeit. Im wahren Leben wie im Film. In der Berliner Partyszene soll er es ordentlich krachen gelassen haben. Dazu hatte er eine Leiche im Keller – im wahrsten Sinne des Wortes. Seine erste Ehefrau starb durch eine Kugel aus seiner Waffe. Die genauen Umstände des Todes sind bis heute ungeklärt.

Maugg macht sich das zunutze. Sein Lang begibt sich auf die Spur des Mörders – und hier beginnt die Fiktion. Gleichzeitig setzt er sich mit seinen eigenen Dämonen auseinander. Was macht einen Menschen zum Mörder? Was empfindet man im Moment des Tötens? Ist es Reue oder Genugtuung? Lang muss das wissen. Als er dem Mörder schließlich gegenüber sitzt, ist es wie der Blick in den Spiegel. Kürten ist ein kranker Geist. Durch die Konfrontation mit dem Mörder versucht Lang, sein eigenes Trauma zu überwinden. So weit so gut. Denn das ist die große Schwäche des Films. Der fiktive Lang  hat nicht nur mit einem Trauma zu kämpfen, sondern gleich mit drei: Die tote Frau, das Grauen des Krieges und der Konflikt mit dem Vater. Na was denn nun? Gordian Maugg verzettelt sich. Dem Zuschauer fällt es schwer zu folgen.

Die Bestie ist unter uns

Für einen deutschen Film ganz gut – das wäre ein unbefriedigendes Urteil. Ein Film sollte für sich stehen, die Messlatte immer auf gleicher Höhe hängen. Trotz der dramaturgischen Mängel ist Gordian Maugg ein kleines Meisterwerk gelungen, was unter anderem dem Hauptdarsteller zu verdanken ist. Immer wieder zeigt die Kamera Heino Ferchs Gesicht. Ein Gesicht in Großaufnahme, das kaum Regung zeigt. Dennoch spürt man die Dunkelheit der Langschen Seele, das Brodeln unter der Oberfläche. Mauggs Film überzeugt vor allem optisch. So setzt der Regisseur elegante Spielszenen in Schwarz-Weiß gegen körniges Dokumentarmaterial. Mit dem Verzicht auf Farbe beschreibt der Film das Zeitkolorit der 30er Jahre – jene Zeit, in der eine viel größere Bestie erwachte.

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist entstanden, als sich der Gedanke des Nationalsozialismus in den Köpfen vieler Deutsche einnistete. Was macht einen Menschen zur Bestie? Wie es heißt, waren es nicht nur Massenmörder, die Fritz Lang inspirierten, sondern die diffuse Angst vor dem, was kommen sollte. Auch deshalb lässt mich diese gepfiffene kleine Melodie immer wieder erschaudern.

„Fritz Lang“ (Deutschland 2016)
104 Minuten
Darsteller: Heino Ferch, Thomas Thieme, Johanna Gastdorf, Samuel Finzi, Lisa Charlotte Friederich, Michael Mendl
Regie: Gordian Maugg
Drehbuch: Alexander Häusser, Gordian Maugg
Kamera: Moritz Anton, Lutz Reitemeier,
Schnitt: Angela Tippel, Olivia Retzer, Florentine Bruck
Musik: Tobias Wagner
Produzent: Nicole Ringhut

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3 Gedanken zu “FRITZ LANG – Auf der Spur der Bestie

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