La La Land – Als Träumer noch träumen durften

Ein paar Dinge vorweg: „La La Land“ (2016) ist ein Musical. Also nicht erschrecken: Im Film wird gesungen und getanzt. Es gibt keine Actionsequenzen, keine Mutanten, keine Raumschiffe, keine spektakulären Verfolgungsjagden. Es fliegt nichts in die Luft – außer einem verliebten Paar.

In „La La Land“ wird den Zuschauern eine kunterbunte heile Welt vorgespielt – abseits von Problemen wie Terrorismus, Rassenkonflikten  und Flüchtlingskrise. Es geht um Liebe und um Jazz. Oh je! Gibt es nichts Wichtigeres als ein paar Tanznummern? Trotzdem überschlagen sich die Kritiker vor Begeisterung. Etliche Preise hat der Film bereits abgeräumt – darunter sechs Oscars.

La La Land

„La La Land“: Es steppt, wenn Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) sich näher kommen.  Foto: StudioCanal

Der Inhalt – und das ist der eher übersichtlichen Handlung geschuldet – lässt sich kurz zusammenfassen. Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) sind zwei Träumer in Los Angeles. Sie arbeitet als Bedienung in einem Café auf dem Warner-Bros-Gelände und strebt eine Schauspielkarriere an. Er ist Musiker und will den Jazz im Alleingang retten, indem er einen Club eröffnet. Doch ihre Träume sind nur Seifenblasen, die zu zerplatzen drohen. Bis sie sich kennenlernen. Die beiden verlieben, bestärken sich gegenseitig, an ihre Träume zu glauben. Und siehe da, das hilft sogar. Am Ende stehen beide an der Schwelle zum Erfolg. Bleibt dafür ihre Liebe auf der Strecke?

Mit „La La Land“ hat  Regie-Senkrecht-Starter Damien Chazelle nach seinem Überraschungserfolg von „Whiplash“ ein Herzensprojekt umgesetzt. Das Drehbuch stammt aus seiner Feder, die Songs aus der seines früheren Havard-Kommilitonen Justin Hurwitz. Ein Musical wie aus der guten alten Zeit, aus dem Hollywood der 1950er Jahre, gepaart mit ihrer gemeinsamen Begeisterung für Jazz. Das war ihre Idee – eben „Gene Kelly meets Thelonious Monk“, wie der Regisseur selbst sagt. Mit ihrer Nostalgie-Nummer haben Chazelle und Hurwitz  einen Nerv getroffen. Aber warum? Ist „La La Land“ der Film, auf den wir seit Jahren gewartet haben, ohne es zu wissen? Was macht den Film so besonders?

Zuerst einmal verwöhnt er Augen und Ohren gleichermaßen. Die Lieder gehen ins Ohr,  nachdem man den ersten Schock überwunden hat, dass im Film tatsächlich ständig gesungen wird. Szenenbilder und Choreografie sind geradezu berauschend, ob Steppschritt im Sonnenuntergang, der traumhaft schöne Tanz im Sternenhimmel – oder die Eröffnungsszene auf dem Highway. In dieser Plansequenz brillieren nicht nur die Darsteller, sondern vor allem Kameramann Linus Sandgren und Regisseur Chazelle, die in dem scheinbaren Chaos den Überblick behalten. Eine Meisterleistung!

Am umwerfendsten ist jedoch der Schluss. Stone und Gosling tanzen sich noch einmal durch die Stationen ihrer Liebe. Was wäre wenn … wir uns sofort verliebt hätten, wenn wir Kompromisse eingegangen wären, wenn wir an unsere Liebe geglaubt hätten, wenn wir einfach gesprungen wären – ohne nachzudenken und ohne zu bereuen. Wo würden wir dann heute stehen? Was wäre wenn? Damien Chazelles Musicalmärchen verwehrt dem Zuschauer und seinen Hauptfiguren dieses Happy End. Er lässt den Traum vom Erfolg in Erfüllung gehen. Den Traum der großen Liebe lässt er jedoch zerplatzen – aber so schön.

In „La La Land“ geht es um die Liebe – und um die Musik. Aber es ist nicht nur der Jazz, der vom Aussterben bedroht ist, sondern vor allem das Kino selbst. Weil sich keiner mehr zu interessieren scheint für die Filme der Goldenen Ära. Während der Jazz mit Sebastians neuem Klub am Ende offenbar gerettet ist, bleibt das alte Lichtspielhaus, in dem sich das Paar einst getroffen hat, geschlossen. Das kleine Haus wurde zermalmt vom Desinteresse, von der Walze der Multiplexkinos und einer Branche, in der Masse und Profit mehr zählen als Klasse. Sicher, um Profit ging es den Produzenten schon immer. Dennoch hebt sich „La La Land“ selbst wie ein Phönix aus der Asche und beschwört eine Zeit, in der das Kino noch etwas für Träumer war – ein Rückzugsort, an dem Probleme und Sorgen für zwei Stunden in den Hintergrund traten, an dem man sich berauschen ließ und auf ein Happy End hoffen konnte.

„La La Land“ (USA, 2016)
128 Minuten
Darsteller: Emma Stone, Ryan Gosling, John Legend, Rosemarie DeWitt, J. K. Simmons, Tom Everett Scott
Regie, Drehbuch: Damien Chazelle
Kamera: Linus Sandgren
Musik: Justin Hurwitz
Schnitt: Tom Cross
Produktion: Fred Berger, Gary Gilbert, Jordan Horowitz, Marc Platt

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Passengers – Schlaflos im Weltall

Man stelle sich vor: Die Prinzessin ist in einen 100 Jahre währenden Tiefschlaf gefallen – und mit ihr der ganze Hofstaat. Da kommt ein Prinz daher und weckt die schlafende Schöne – gegen ihren Willen und weit vor ihrer Zeit.

Es ist kein Zufall, dass die weibliche Hauptfigur von „Passengers“ (2016) Aurora heißt – wie Disneys Sleeping Beauty in dem Trickfilm-Klassiker „Dornröschen“ (1959). Das Science-Fiction-Drama von Regisseur Morten Tyldum orientiert sich lose an der Grimmschen Vorlage. Zudem finden sich Parallelen zu Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und der Hollywood-Schmonzette „Titanic“. Schon 2007 war das Script von Jon Spaihts ein Geheimtipp. Jahrelang leckten sich Filmemacher die Finger danach. Es galt als eines der besten unverfilmten Drehbücher. Das ließ Großes erwarten, barg aber auch die Gefahr, dass das Ganze grandios in die Hose geht.

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Chris Pratt und Jennifer Lawrence in Passengers.      Foto: Sony

Zur Handlung: Der Sternenkreuzer Avalon ist auf dem Weg zur weit entfernten Kolonie Homestead II. An Bord: 5000 Passagiere und etliche Crewmitglieder. Sie alle befinden sich in einem künstlichen Tiefschlaf – ein Frischhalte-Koma, das sie nicht altern lässt. Denn die Reise zum neuen Heimatplaneten dauert 120 Jahre. Erst kurz vor der Ankunft sollen die Passagiere geweckt werden. So weit die Theorie. Wie der Zufall will, erwacht der Passagier Jim Preston (Chris Pratt) durch eine technische Panne ganze 90 Jahre zu früh. Und er kann nicht wieder einschlafen. Jim ist mutterseelenallein auf dem Galaxiendampfer. Seine einzige Gesellschaft ist der kellnernde Android Arthur (Michael Sheen). Um nicht an seiner Einsamkeit zu verzweifeln, weckt er die junge Aurora (Jennifer Lawrence). Die ahnt nicht, dass es Jim war, der ihr die Chance auf ein Leben in der Kolonie genommen hat, und verliebt sich in ihn. Doch Jim plagt das schlechte Gewissen. Und das marode Schiff steuert auf eine Katastrophe zu.

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Zuerst ein Himmel voller Geigen, dann der erste Krach: Chris Pratt und Jennifer Lawrence in „Passengers“.     Foto: Sony

Klingt erst einmal vielversprechend: die Isolation, Jims Verzweiflungstat, Liebe, die in Hass umschlägt – alles 1a-Zutaten für ein packendes Kammerspiel. Doch der Film scheitert an seinem eigenen Anspruch. Für eine Konstellation wie diese braucht es Schauspieler, die ihr Handwerk verstehen. Deshalb ist es unverständlich, weshalb die Wahl ausgerechnet auf Chris Pratt gefallen ist. Er mag nett aussehen, ein prima Komödiant sein, sich gut im Sattel bewegen und mit imaginären Dinosauriern und Waschbären agieren können. In „Passengers“ ist er jedoch schlichtweg überfordert. Ob mit Tränchen im Auge oder mit hängenden Mundwinkeln – man kauft ihm die Verzweiflung nicht ab. Er sieht aus wie Chris Pratt als Mechaniker verkleidet, dem man gesagt hat: „Und jetzt guck mal ganz traurig, Chris.“ Jennifer Lawrence‘ Darstellung wirkt dagegen seltsam übertrieben – wohl, weil ihr der routinierte Gegenpart fehlt. Als Zuschauer bleibt man distanziert, das Schicksal der beiden Liebenden berührt nicht. Lediglich Michael Sheen überzeugt. Sein Arthur agiert hölzern – wie es sich für einen humanoiden Roboter gehört.

Und dann geht es Schlag auf Schlag, es wird plötzlich spannend. Im letzten Drittel wandelt sich das verhältnismäßig ruhig erzählte Liebesdrama  zum Actionkracher, weil der fliegende Bunker zu explodieren droht. Das Leben der arglos schlummernden Passagiere liegt in den Händen von Chris Pratt. Oh je? Nein, keine Sorge: Action kann er. So hält er sogar einem Reaktor stand, der ganze Meteoriden zu schmelzen vermag. Lediglich ein Stückchen Blech schützt den wackeren Jim. Ein Teufelskerl! Und auch seine Aurora hat es drauf. Sie zerrt ihn zurück ins Raumschiff, als er leblos im All treibt, lässt ihn nicht einfach untergehen – wie die Kate den Leo.

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Zum Glück kann sie schwimmen: Jennifer Lawrence in „Passengers“.      Foto: Sony

Am Ende bleiben viele Fragen offen: Wieso kann der technisch begabte Jim die Schlafkammer nicht reparieren, nachdem es ihm sogar gelungen ist, ein durchlöchertes Raumschiff wieder in Gang zu setzen? Warum gibt es nur einen einzigen Autodoc – eine Art automatischer Hightech-Operationssaal – auf einem Schiff mit über 5000 Passagieren? Ist Aurora von Natur aus platinblond? Oder warum ist bei ihr im Laufe der Zeit kein dunkler Haaransatz zu sehen? Und wieso lässt ein so viel versprechendes Drehbuch den Zuschauer enttäuscht zurück?

Zur Ehrenrettung des Films sei jedoch gesagt – die Handlung fesselt durchaus. Vor allem optisch hat „Passengers“ einiges zu bieten. In Erinnerung bleibt die Szene, in der Aurora fast ertrinkt, als das Wasser im Pool plötzlich seine Schwerkraft verliert. Und der Film ist  tausendmal besser als „Independence Day: Wiederkehr“.

Aber vielleicht seht ihr das ganz anders. Hat euch der Film umgehauen? Schreibt es mir.

Passengers (USA, 2016)
117 Minuten
Darsteller: Chris Pratt, Jennifer Lawrence, Michael Sheen, Lawrence Fishburne
Regie: Morten Tyldum
Kamera: Rodrigo Prieto
Schnitt: Maryann Brandon
Musik: Thomas Newman
Drehbuch: Jon Spaihts
Produktion: Stephen Hamel, Michael Maher, Ori Marmur, Neal H. Moritz

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Im Wilden Westen nichts Neues – Die glorreichen Sieben

Sie reiten wieder und ballern, was das Zeug hält – „Die glorreichen Sieben“. Im Jahr 2016 schwingen sich Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke, Vincent D’Onofrio und drei weitere Haudegen aufs hohe Ross, um gegen das Unrecht im Wilden Westen zu kämpfen.

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„Die glorreichen Sieben“ – ein Kultwestern reloaded. Foto: Sony Pictures

Remakes sind angesagt, aber selten notwendig. Und jedes Mal fragt man sich, was bewegt einen Produzenten dazu, einen Klassiker aus der Schublade zu ziehen und neu zu verfilmen? Wie auch bei „Die glorreichen Sieben“. In diesem Fall war es, will man Regisseur Antoine Fuqua Glauben schenken, schlicht und einfach die Annahme, dass der Film von 1960 den heutigen Kinogängern unbekannt sei. Nun mag es sicher Leute geben, die noch nie etwas von Yul Brynner, Steve McQueen, Charles Bronson, Horst Buchholz und James Coburn gehört haben, die bei der Filmmusik von Elmer Bernstein hilflos den Kopf schütteln. Aber mal ehrlich, „Die glorreichen Sieben“ zählt neben „Zwölf Uhr mittags“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu den Western schlechthin. Wer den nicht kennt, muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein.

Remake vom Remake

Dabei ist die 1960er Version selbst ein Remake. Regisseur John Sturges nutzte damals den vielbeachteten 200-Minüter „Die sieben Samurai“ (1954) von Akira Kurosawa als Vorlage, tauschte Schwerter gegen Colts und verlegte die Handlung vom Japan des 16. Jahrhunderts in die Zeit des Wilden Westens irgendwo zwischen den USA und Mexiko – und fertig war der Kultwestern.

Dem hat Fuqua im Jahre 2016 nicht wirklich viel Neues hinzuzufügen. Okay, Denzel Washington als Anführer des Septetts – das hätte es sowohl im 19. Jahrhundert als auch im Hollywood der 1960er nicht gegeben. Die Westernfilme jener Zeit waren blütenweiß. Vor dem Hintergrund der Diversity-Debatte in den USA ist es ein Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung, Washington einmal mehr als leading man zu besetzen – übrigens nach „Training Day“ (2001) und „The Equalizer“ (2014) die dritte Zusammenarbeit von Washington und Regisseur Antoine Fuqua.

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„Die glorreichen Sieben“ – auch als Duo nicht übel: Denzel Washington und Chris Pratt. Foto: Sony Pictures

Die Story bleibt die gleiche. Sieben mehr oder weniger rechtschaffende Revolverhelden tun sich zusammen, um ein Provinzkaff von Unholden zu befreien. In der Version von 2016 ist es eine hübsche Lady in Nöten (Haley Bennett), die die Männer überzeugt, selbstlos zu helfen, anstatt wie sonst in die eigene Tasche zu wirtschaften. Nachdem sich die Sieben gefunden haben, reiten sie in die Schlacht und in dem sicheren Tod – einige von ihnen zumindest. Denn Bösewicht Bogue (Peter Sarsgaard) hat nicht nur eine halbe Armee um sich gescharrt, er bedient sich auch einer Waffe, die wie ein antiquiertes Maschinengewehr anmutet. Mit Hilfe der Dorfbewohner gelingt es den „Glorreichen Sieben“ nach einem schier endlosen Pistolenfeuerwerk aber selbstverständlich, die Bösen zur Strecke zu bringen.

Das Erfrischende neben den flotten Sprüchen der Protagonisten ist dabei der Verzicht auf Special Effects. Dafür kommen jede Menge Stuntmen zum Einsatz. Und wenn im Film eine Bretterkulisse explodiert, fliegt sie auch wirklich in die Luft. Das macht den Film zwar nicht automatisch zum Hit. Dennoch ist er nett anzusehen, erinnert er doch in seiner Machart an die Goldene Zeit der Western. Und wenn beim Abspann endlich die berühmte Bernstein-Melodie ertönt, kommt sogar so etwas wie Nostalgie auf.

Wie ist es bei euch? Original oder Fälschung? Was bevorzugt ihr?

„Die glorreichen Sieben“ (USA, 2016)
133 Minuten
Darsteller: Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke, Vincent D’Onofrio, Byung-hun Lee, Manuel Garcia-Rulfo, Martin Sensmeier, Haley Bennett, Peter Sarsgaard, Matt Bomer, Luke Grimes
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Nick Pizzolatto, Richard Wenk
Kamera: Mauro Fiore
Schnitt: John Refoua
Musik: James Horner, Simon Franglen
Produktion: Roger Birnbaum, Todd Black

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Bleib besonders – Die Insel der besonderen Kinder

Die Welten, die Tim Burton erschafft, sind bunt und düster zugleich – und voller merkwürdiger Gestalten. Sonderlinge haben es dem Filmemacher angetan. Sie und ihr Bestreben, der Isolation zu entfliehen, von ihrer Umwelt anerkannt und ein Teil von ihr zu werden.

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„Die Insel der besonderen Kinder“: Miss Peregrine (Eva Green) verteidigt ihre Schützlinge bis aufs Blut. Foto: 20th Century Fox

In Tim Burtons neuestem Streich „Die Insel der besonderen Kinder“ haben sich die Sonderlinge in ihre eigene, sichere Welt zurückgezogen, sie leben abseits der Gesellschaft, müssen sich aber auch in dieser Welt gegen Eindringlinge zur Wehr setzen, um zu überleben.

Dabei fühlt sich der 16-jährige Jake (Asa Butterfield) überhaupt nicht besonders. Die meiste Zeit kommt er sich sogar unsichtbar vor – ignoriert von den Mitschülern, von den Eltern. Nur sein Großvater (Terence Stamp) schenkt ihm Beachtung. Leider hat der kürzlich das Zeitliche gesegnet. Brutal niedergemetzelt, seiner Augen beraubt. Wer tut so etwas? War es ein Tier – oder vielleicht doch eines der Monster, von denen der Großvater so oft erzählt und gewarnt hat?

Monstermäßig fantastisch

Gibt es diese Monster wirklich? Und mit ihnen Miss Peregrine und ihr Heim für besondere Kinder, in dem der Großvater während des Zweiten Weltkriegs Zuflucht gefunden haben will. Sind dies Erinnerungen?  Oder sind es die Fantasien eines Holocaust-Überlebenden? Jake will es herausfinden, reist mit seinem Vater zu der kleinen walisischen Insel, auf der sich das Heim befunden haben soll. Zu seiner Überraschung existiert es tatsächlich, nur viel ist nicht mehr übrig. 1944 fiel das Haus einem Bombenangriff der Nazis zum Opfer und mit ihm seine Bewohner.

Und jetzt wird es fantastisch: Durch eine Art Schlupfloch gelangt Jake in eine Zeitblase, die die Heimbewohner konserviert hat, die sie in einer Endlosschleife immer wieder den Tag des Bombenangriffs erleben lässt. Zuerst ist Jake skeptisch. Hat er sich nur etwas zu heftig am Kopf gestoßen, oder sind die Geschichten seines Großvaters wahr? Sie stehen wahrhaftig vor ihm: Miss Peregrine (Eva Green) und die Kinder mit ihren besonderen Fähigkeiten – das Luftmädchen, der Unsichtbare, die Feurige. Sie heißen ihn willkommen.

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„Die Insel der besonderen Kinder“: Jeder ist besonders – auf seine eigene Art. Foto: 20th Century Fox

Wie Jake bald erfährt, ist er alles andere als gewöhnlich und unbedeutend. Auch er ist besonders. Er ist derjenige, der die Kinder retten kann. Er ist der einzige, der die unsichtbaren Monster sieht. Und die haben es auf die Kinder abgesehen. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.

Tiefe Abgründe

„Die Insel der besonderen Kinder“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ransom Riggs. Eine wahre Spielwiese für Tim Burton, auf der sich der Visionär austoben kann. Im Film stehen sich zwei Welten gegenüber: Jakes Realität im Jahr 2016 ist kalt, farblos, ungemütlich – kein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Die Welt innerhalb der Zeitblase zeichnet Burton in kräftigen, warmen Farben. Die alte Villa und der verwunschene Garten mit seinen versteckten Winkeln wirken wie in Zauberreich – einladend und mystisch zugleich.

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„Die Insel der besonderen Kinder“: Jake (Asa Butterfield) und die luftig-leichte Emma (Ella Purnell). Foto: 20th Century Fox

Wie schon bei „Big Fish“ und „Alice im Wunderland“ begibt sich Burtons Protagonist in eine Parallelwelt, die auf den ersten Blick zauberhaft ist, aber viele Geheimnisse und tiefe Abgründe birgt. Gut und Böse stehen einander gegenüber, bekämpfen sich bis auf die Zähne. Burton gelingt es meisterhaft, die sonderbaren Wesen in dieser Welt zum Leben zu erwecken. Dabei halten er und Drehbuchautorin Jane Goldman sich zwar nicht immer ganz an die Romanvorlage. Das ist aber überhaupt nicht störend. Eva Green gibt als stets Pfeife rauchende und überkorrekte Miss Peregrine eine herrlich düstere Mary Poppins, die ihre Schützlinge bis aufs Blut verteidigt. Samuel L. Jackson blüht so richtig auf als zähnefletschender Kinderschreck Barron. So viel Spaß hat der Filmbösewicht („Pulp Fiction“, „The hateful 8“) lange nicht gemacht. Und Asa Butterfield („Hugo Cabret“) hat sich vom jungen Talent zum Schauspieler gemausert. Sein Jake steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Er erkennt schließlich, dass menschliche Perfektion eine Illusion ist. Dass es die kleinen Makel sind, die einen Menschen ausmachen, die ihn besonders machen. Er entscheidet sich dafür, sich treu zu bleiben und zu seinen Makeln zu stehen, anstatt sich anzupassen. Stay peculiar, bleib besonders!

„Die Insel der besonderen Kinder“ ist Augenfutter pur – Szene für Szene, bis auf wenige Ausnahmen. Ein Märchen für Jung und Alt. Bildgewaltig und fesselnd. Ich habe den Film genossen.

Was ist euer Lieblingsfilm von Tim Burton? Die alten „Batman“-Schinken, „Edward mit den Scherenhänden“, „Sleepy Hollow“ oder ein ganz anderer? Schreibt mir.

„Die Insel der besonderen Kinder“ (USA, UK, Belgien 2016)
127 Minuten
Darsteller: Asa Butterfield, Ella Purnell, Eva Green, Samuel L. Jackson, Judi Dench, Allison Janney, Chris O’Dowd, Terence Stamp, Milo Parker, Raffiella Chapman
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Jane Goldman
Kamera: Bruno Delbonnel
Schnitt: Chris Lebenzon
Musik: Michael Higham, Matthew Margeson
Produktion: Peter Chernin, Jenno Topping

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FRANTZ – Von der Sehnsucht nach Vergebung

Mit „Frantz“ hat Regisseur Francois Ozon Neuland betreten. Nie zuvor hat sich der französische Filmemacher dem Thema Erster Weltkrieg gewidmet. Erstmals hat er außerhalb seines Heimatlandes gedreht, hat er Kriegs- und Kampfszenen gefilmt. Für Ozon eine große Herausforderung, wie er selbst sagt. Auch dem Zuschauer verlangt er bei „Frantz“, seinem inzwischen 16. Spielfilm, einiges ab: Szenen in deutscher und in französischer Sprache, der Wechsel von Farbe zu Schwarzweiß, die entschleunigte Erzählweise. Das ist anders und ungewohnt. Aber genau das und dazu das sensible Spiel der Hauptdarsteller machen „Frantz“ zu einem der sehenswertesten und eindrucksvollsten Filme der letzten Jahre.

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Anna (Paula Beer) erzählt Adrien (Pierre Niney) von Frantz. Foto: X Verleih

Zur Handlung: Anna (Paula Beer) trauert um ihren Verlobten. Frantz (Anton von Lucke) war Soldat, ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Jeden Tag legt sie Blumen auf sein Grab. Der Weg durch die Straßen des Harzstädtchens hin zum Friedhof ist für Anna zur Routine geworden. Eine Routine, die dem aus den Fugen geratenen Leben der jungen Deutschen einen Rahmen bietet – die ihr selbst Halt gibt. Diese Routine wird eines Tages durch einen Unbekannten (Pierre Niney) durchbrochen. Anna beobachtet, wie er an Frantz‘ Grab trauert.

Schuld und Sühne

Kurz darauf nimmt der Franzose Kontakt zu Frantz‘ Eltern (Ernst Stötzner, Marie Gruber) auf. Er sei ein Freund von Frantz gewesen, habe ihn vor dem Krieg bei einem Aufenthalt in Paris kennen gelernt. Mit dem Tod des Freundes habe auch er einen Verlust erfahren, sagt er. Vor allem der Vater sträubt sich zuerst dagegen, Adrien Gehör zu schenken. So kurz nach dem Krieg, nach der Niederlage der Deutschen sieht er in jedem Franzosen einen Feind. Schließlich könnte jeder von ihnen der Mörder seines Sohnes sein. Doch war er es nicht selbst, der Frantz gedrängt hat, zur Waffe zu greifen, in die Schlacht zu ziehen und andere Söhne zu töten? Hat er sich dadurch nicht selbst schuldig gemacht?

Schuld und Vergebung sind die großen Themen von „Frantz“. Hat nicht jeder während des Krieges Schuld auf sich geladen? Und sehnt sich später nicht jeder nach Vergebung? Danach, dass ihm andere vergeben. Und danach, irgendwann sich selbst vergeben zu können. Auch Adrien möchte das. Auf Wunsch der Familie erzählt er von seiner Freundschaft zu Frantz, spielt sogar auf der Geige des Verstorbenen, nimmt für kurze Zeit dessen Platz ein. „Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen“, sagt Frantz‘ Mutter zu ihm. So ist es an Adrien, Trost zu spenden und den Trauernden Momente des Glücks zu bescheren.  Anna entgeht dabei nicht, dass auch Adrien vom Krieg gezeichnet ist. „Meine größte Narbe ist Frantz“, gibt er zu. Adrien hat mit seinem eigenen Trauma zu kämpfen. Und mit einem Geheimnis, das ihn quält. Denn er hat Frantz‘ Familie belogen.

Authentisch

Francois Ozon erzählt die Geschichte in nüchternen, fast bedrückenden Schwarzweiß-Bildern. Nur wenn Hoffnung aufkeimt, kommt Farbe ins Spiel. Für den Zuschauer ist der Sprung von Farbe zu farblos nicht immer nachvollziehbar. Aber um Logik geht es Ozon nicht. Wie die Venen im Körper werden die Schwarzweiß-Einstellungen des Filmes von der Farbe durchblutet, erläutert der Regisseur. Der Effekt: Der bewusste Verzicht auf Farbe lässt die Bilder authentisch wirken. Kennen wir den Ersten Weltkrieg nicht eigentlich nur von Schwarzweiß-Aufnahmen, von alten Fotos? Selbst die Emotionen der Protagonisten haben etwas Dokumentarisches und dadurch höchst Glaubwürdiges – wenn plötzlich der Hauch eines Lächelns über das Gesicht des verbitterten Vaters huscht, wenn Anna gegen ihre aufflammenden Gefühle ankämpft. Im Gegensatz dazu der Einsatz von Farbe in der letzten Szene des Films, wenn Annas Lust am Leben mit aller Macht zurück kehrt.

„Frantz“ ist ein Film über die Folgen des Ersten Weltkrieges in Deutschland und Frankreich. Über Trauer und Wut auf beiden Seiten, über Schuld und Sühne – und über den Wunsch der Menschen, weiter leben und wieder lieben zu können. Zutiefst berührend und lange nachwirkend.

„Frantz“, Frankreich, Deutschland 2016
113 Minuten
Darsteller: Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Johann von Bülow, Anton von Lucke, Cyrielle Clair, Alice de Lencquesaing
Regie: Francois Ozon
Drehbuch Francois Ozon (frei nach „Broken Lullaby“ von Ernst Lubitsch (1931)
Kamera: Pascal Marti
Musik: Philippe Rombi
Schnitt: Laure Gardette
Produzenten: Stefan Arndt, Uwe Schott, Eric und Nicolas Altmayer

Wie seht ihr das? Fehlt euch etwas, wenn ein Film in Schwarzweiß gedreht ist?

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Eine Kleinstadt schnuppert Filmluft

Wenn Filmluft durch die Provinz weht: Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass sich der Liebfrauenkirchhof von Wernigerode in eine Filmkulisse verwandelt hat. In dem Harzstädtchen wurden Szenen für die französisch-deutsche Koproduktion „Frantz“ gedreht. Das 70-köpfige Filmteam um Star-Regisseur Francois Ozon hatte sich für mehrere Wochen in der Kleinstadt eingemietet und die Wernigeröder in Aufregung versetzt – Straßen gesperrt und für ein kleines Verkehrschaos in der Altstadt gesorgt. Am 29. September kommt „Frantz“ in die deutschen Kinos.

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Pierre Niney und Paula Beer in FRANTZ. Courtesy of Music Box Films.

Für das Harzstädtchen ist der Film ein dicker Fisch. Zwar gehen im Wernigeröder Rathaus regelmäßig Anfragen von Locationscouts ein. Doch nicht immer handelt es dabei um große Kinoproduktionen. Ganz anders als bei „Frantz“. Francois Ozon ist ein renommierter Regisseur. Seine Filme „8 Frauen“ und „Swimmingpool“ sind weltbekannt.

„Frantz“ spielt nach dem Ersten Weltkrieg

Was für Wernigerode, Quedlinburg und Görlitz, wo ebenfalls gedreht wurde, gesprochen hat? „Diese Orte liegen in der ehemaligen DDR und sind fast intakt geblieben“, sagt Francois Ozon. „Sie wurden weder zerstört noch übertrieben restauriert, im Gegensatz zu den Städten in Westdeutschland.“ Das sei ihm als Regisseur wichtig gewesen, denn seine Geschichte spielt nach dem Ersten Weltkrieg.

„Frantz“ ist für Francois Ozon eine Herzensangelegenheit. Schon lange habe er den brüderlichen Aspekt zwischen Frankreich und Deutschland thematisieren wollen und die Freundschaft, die beide Völker miteinander verbindet. Der Film sei die ideale Gelegenheit dazu, so Ozon. „Frantz“ habe für ihn viele spannende Herausforderungen bereit gehalten: Krieg, Kampfszenen, eine deutsche Kleinstadt, Paris in Schwarz-Weiß, die deutsche Sprache. Wichtig sei ihm dabei gewesen, die Geschichte vom Standpunkt der Deutschen zu erzählen.

Die Handlung von „Frantz“ basiert lose auf Ernst Lubitschs „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ (1931): Die junge Anna (Paula Beer) trauert um ihren Verlobten Frantz, der im Krieg gefallen ist. Jeden Tag legt sie Blumen an seinem Grab nieder. Eines Tages trifft sie dort den Franzosen Adrien (Pierre Niney). Er gibt vor, ein Freund von Frantz gewesen zu sein, auch er habe einen Verlust erlitten. Paula stellt Adrien Frantz‘ Familie vor. Dessen Eltern nehmen den jungen Franzosen auf, in der Hoffnung er könnte ihre tiefe Trauer lindern. Doch Adrien hat ein Geheimnis …

Flair der 1920er

Das alte Pfarrhaus in Wernigerode dient im Film als Wohnort von Frantz‘ wohlhabenden Eltern. Etliche Schlüsselszenen wurden dort gedreht. Zuvor ließ das Produktionsteam in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde das gut 250 Jahre alte Fachwerkgebäude herrichten, Wände mit Holz verkleiden, Fußböden aufarbeiten, Fenster- und Türrahmen reparieren, ein Wohnzimmer, Esszimmer und Küche sowie eine Arztpraxis einrichten. Historisch anmutende Tapetenmuster und dezente Farben sollten das Flair der 1920er Jahre widerspiegeln.

Längst ist wieder Ruhe am Liebfrauenkirchhof eingekehrt. Lediglich die neu verputzte Fassade des Pfarrhauses erinnert an die Dreharbeiten und die Aufregung, die hier vor einem Jahr noch herrschte. Die Kulissen sind zum größten Teil abgebaut. Das Haus steht nach wie vor leer, wurde von der Stadt schon vor einiger Zeit zum Verkauf ausgeschrieben. Ab dem 29. September zieht wieder Leben in das alte Haus ein – zumindest im Kino – und das lässt auch Wernigerode glänzen. Man darf also gespannt sein.

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Wiedergeburt des Lichtspielhauses

Mal etwas anderes: Die Volks-Lichtspiele in Wernigerode (Harz) trotzen dem Kinosterben. Jetzt wird in die Zukunft investiert. Den Text habe ich diese Woche für die Harzer Volksstimme geschrieben.

Wernigerode.  Der Geruch von Popcorn hängt noch in der Luft. Doch Filme werden in nächster Zeit nicht mehr über die Leinwände der Volks-Lichtspiele flimmern. In dem alten Kino an der Flutrenne fiel vor wenigen Tagen der letzte Vorhang. Der vorerst letzte, wie Kirsten Fichtner, Chefin der Gebäude- und Wohnungsbaugesellschaft (GWW), betont. In den nächsten Monaten lässt die GWW das Haus sanieren und modernisieren. Die städtische Tochtergesellschaft hat das Gebäude vor zwei Jahren von der Betreiberfamilie Becker erworben, mit dem Ziel, das Kino für Wernigerode zu erhalten.

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Die Volks-Lichtspiele in Wernigerode (Harz) – mehr als 100 Jahre Kino-Geschichte. Foto: Ivonne Sielaff

Dass das Lichtspielhaus nahe des Westerntors bis heute durchgehalten hat, ist einem Wunder gleichzusetzen. Gab es in DDR-Zeiten in fast jedem kleineren Ort ein Kino, setzte nach der Wende mit dem Aufkommen der Multiplex-Häuser das große Kinosterben ein. Viele Betreiber konnten nicht mit der Konkurrenz mithalten, hatten oftmals kein Geld, um in moderne Technik zu investieren und verloren deshalb an Zuschauern

Wolfgang Becker ist es maßgeblich zu verdanken, dass die Volks-Lichtspiele noch existieren. Er wurde nach der Wende Leiter des Kinos. Eigentümer war die UFA (Universum Film AG). Als die UFA das Haus schließen wollte, entschied er, es zu kaufen und weiter zu betreiben. Steigende Nebenkosten und sinkende Einnahmen zwangen Becker und seine Familie mehrmals fast zur Aufgabe. Aber sie hielten durch, bis vor zwei Jahren.

Im Jahr 1860 als Vereinsheim erbaut

„Nachdem wir das Haus übernommen haben, haben wir zuerst in 3-D-Technik und ein neues Soundsystem investiert“, sagt Kirsten Fichtner. Durch die Modernisierung hätten sich die Besucherzahlen verdreifacht. Schon 2014 sei jedoch klar gewesen, dass das Kino saniert werden muss.

„Das Gebäude wurde 1860 als Vereinsheim errichtet“, informiert Bauleiterin Ines Müller. Im Laufe der Jahre nutzte man es unter anderem als Schützenhaus und Parteilokal. 1909 wurde erstmals ein Kino an der Flutrenne 6 erwähnt, welches in den Saalbau des alten Schützendomizils eingezogen war, damals noch unter dem Namen Schloß-Lichtspiele. In den 1970er Jahren sei das Kino laut Ines Müller umgebaut worden. 2003 wurden die Stühle und 2007 der Boden sowie die Wandbespannung erneuert. Doch der Zahn der Zeit hat an dem Gebäude genagt – innen wie außen. „Nostalgie ist etwas anderes“, fasst es Kirsten Fichtner treffend zusammen.

Das soll sich nun ändern. Nach den Umbauarbeiten wird das Kino nicht wiederzuerkennen sein: Drei „moderne KinoSäle“ und eine „stylische Movie Lounge“ – damit wird schon seit Monaten auf einem Plakat an der Hauswand geworben. „Wir machen alles neu“, kündigt die Bauleiterin an.

Denkmalschutz bestimmt Außengestaltung

Fassade und Fenster werden in Abstimmung mit der Denkmalbehörde gestaltet. Der für ein Kino ungewöhnliche Eingang mit den zwei Türen soll der Vergangenheit angehören. „Die neue Gestaltung wird überraschen“, sagt Kirsten Fichtner, ohne zu viel zu verraten. Das alte Mobiliar werde entsorgt beziehungsweise verkauft, das Kino komplett neu – und dazu barrierefrei – eingerichtet.

„In den vergangenen Tagen haben wir das Umfeld vom Wildwuchs befreit“, informiert Bauleiterin Ines Müller. Als nächstes stehen Fassaden- und Zimmermannsarbeiten an. Nach der Entkernung folge der Innenausbau. „Wir hoffen, dass die Arbeiten schnell vorangehen“, so Ines Müller. Sie rechne mit einem halben Jahr, bis sich der Vorhang wieder hebt. Dann übrigens nicht nur für herkömmliche und 3-D-Filme, sondern als neue Attraktion sogar für 4-D- und 5-D-Filme. Das sind kurze Streifen, die nicht nur räumliches Sehen ermöglichen, sondern unter anderem auch den Tast- und den Geruchssinn des Publikums ansprechen. „Das wird ein Alleinstellungsmerkmal für Wernigerode“, ist sich Kirsten Fichtner sicher. „Das gibt es in Goslar und Halberstadt nicht.“

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Manchmal kommen sie wieder – Independence Day: Wiederkehr

Fortsetzungen sind für Roland Emmerich ein rotes Tuch – gewesen. Bis vor einigen Jahren hat sich der Regisseur vehement gegen Sequels und Reboots zur Wehr gesetzt. Aber wie heißt es so schön: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Im stillen Kämmerlein arbeitet Emmerich schon seit einer Weile an einer Neuauflage von „Stargate“ (1994). Die Fortsetzung seines Blockbusters „Independence Day“ (1996) lief vor kurzem in den Kinos an. Die technischen Möglichkeiten von heute würden ihn reizen, so Emmerich. Sie hätten den Ausschlag für seinen plötzlichen Meinungswandel gegeben. Darüber hinaus die Chance, mit einer Riege frischer junger Darsteller zu arbeiten und die Geschichte von einst weiter zu spinnen. Nun ja, das Geld wird auch eine Rolle gespielt haben.

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„Independence Day: Wiederkehr“ – Unheil ist im Anmarsch, rette sich, wer kann. Foto: 20th Century Fox

Hoffentlich hat es das. Dann wäre am Ende wenigstens einer zufrieden – nämlich Regisseur und Produzent Roland Emmerich. Ich als Zuschauer bin es nicht. Dabei habe ich wirklich hohe Erwartungen in „Independence Day: Wiederkehr“ gesetzt. Gerade weil mich der Film vor 20 Jahren so umgehauen hat.

Independence Day – ein Film mit finalem Knalleffekt

Jeff Goldblum, Will Smith und Bill Pullman – das war der Stoff, aus dem die Helden sind: schlagkräftig, schlagfertig – und verdammt cool. Da überlegt man es sich als Alien doch glatt zweimal, ob man anfängt, auf der Erde rumzupöbeln. Judd Hirsch und Randy Quaid gaben die Sidekicks, die für die nötigen Lacher sorgten. Dazu die Effekte, mit denen Emmerich die halbe Welt in Schutt und Asche legte. Auch die Handlung selbst – die bewährte Mischung aus Katastrophen- und Actionfilm – funktionierte. Wie war das doch gleich? Außerirdische wollen die Erde besiedeln, müssen vorher aber noch schnell die Menschheit vernichten. Den Erdlingen schmeckt das gar nicht, und nach einigen Irrungen und Wirrungen schicken sie ein finales Zerstörungskommando hinauf zur Alien-Flotte. Das Ganze trägt sich am 4. Juli zu – dem Unabhängigkeitstag der Amerikaner, der dem Film auch gleich den schmissigen Titel lieferte. Und am Ende gibt es ein Feuerwerk. Das war einfach – einfach mitreißend und einfach effektiv. Das Popcornkino der 90er – beste Unterhaltung.

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„Independence Day: Wiederkehr“ – Die alten Haudegen gibt es auch noch: Jeff Goldblum (links) und Bill Pullman. Foto: 20th Century Fox

Wie gesagt, ich hatte hohe Erwartungen an „Independence Day: Wiederkehr“. Und das war wohl auch das Problem. Wenn sich einer 20 Jahre Zeit lässt, bis er seine eroberungswütigen Aliens wieder auf die Erde hetzt, möchte man meinen, dass er die Zeit gut genutzt hat, dass er uns erneut umhauen will. Hat er aber nicht.

Auch im Film sind 20 Jahre vergangen. Nachdem die Menschen die bösen Aliens auf den Mond geschossen haben (im übertragenen Sinne), sind sie selbst auf dem Erdtrabanten gelandet. Der Mond ist zur Verteidigungsbasis gegen feindliche Übergriffe aus dem All aufgerüstet worden – für den Fall, dass die tentakelschwingenden Außerirdischen eines Tages zurückkehren. Und Überraschung – das tun sie auch. Die Menschen setzen erneut zuerst das halbe Militär in den Sand, sind erneut überrascht, dass die Aliens sich mit einem Schutzschild schützen. Erneut halten die Menschen aller Herren Länder zusammen – um am Ende erneut zuzuschauen, wie die Amis die Erde retten. Zwischendrin wird wieder die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt. Man muss ja schließlich was zu sehen kriegen für die vielen Millionen Dollar, die allein für die Special Effects verpulvert wurden.

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„Independence Day: Wiederkehr“ – Soll die Welt retten – Liam Hemsworth. Foto: 20th Century Fox

Wo ist die Fat Lady?

Viele Motive wiederholen sich. Neue Ideen wie die extraterrestriale künstliche Intelligenz und die monströse Alienkönigin sind zwar nett anzuschauen, zünden aber nicht wirklich. Und die neue Schauspielerriege? Ehrlich gesagt, habe ich die achso frischen und unverbrauchten Gesichter schon wieder vergessen. Okay, an Liam Hemsworth erinnere ich mich. Aber auch nur, weil sein großer Bruder Thor heißt. Und Charakterdarstellerin Charlotte Gainsbourg ist eine komplette Fehlbesetzung. Der gute Will Smith muss das Debakel geahnt haben, als er für den Film absagte. Was seltsamerweise fehlt, ist die Fat Lady – die Zigarre, die die Piloten nach ihrem Sieg paffen. Warum Emmerich bei all den anderen Wiederholungen ausgerechnet darauf verzichtet, ist mir schleierhaft.

Was bleibt, ist ein schaler Geschmack, das Gefühl von Enttäuschung, die Erkenntnis, dass man sich öfter an sein Geschwätz von gestern erinnern sollte.  Der einzige Lichtblick ist Jeff Goldblum, der mit inzwischen über 60 Jahren immer noch unglaublich gut aussieht. So gut, dass er es nicht nur mit auf Krawall gebürsteten Aliens, sondern auch mit einer Horde wildgewordener Dinos aufnehmen könnte 🙂

Independence Day: Wiederkehr (USA, 2016)
120 Minuten
Darsteller: Jeff Goldblum, Bill Pullman, Liam Hemsworth, Jessie Usher, Maika Monroe, Sela Ward, Charlotte Gainsbourg, Vivica A.Fox, William Fichtner, Brent Spiner, Judd Hirsch, Joey King
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Carter Blanchard, Dean Devlin, Roland Emmerich
Kamera: Markus Förderer
Schnitt: Adam Wolfe
Musik: Harald Kloser, Thomas Wander
Produktion: Dean Devlin, Roland Emmerich, Harald Kloser

Seid ihr auch so enttäuscht aus dem Kino gegangen? Hat euch irgendetwas an dem Film umgehauen? Schreibt mir.

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Auf die Tränendrüse – EIN GANZES HALBES JAHR

„Ein ganzes halbes Jahr“ mit Emilia Clarke und Sam Claflin. Foto: Ivonne Sielaff

Lebenslustige junge Frau verliebt sich in lebensmüden Millionär – die perfekte Konstellation für große Gefühle. Taschentuchkino hat seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Erst waren es die Romanverfilmungen von Nicholas Sparks und Cecelia Ahern, die den Kinobesuchern das Wasser in die Augen trieben. Jetzt ist auch Jojo Moyes in diesen illusteren Kreis aufgestiegen. Für „Ein ganzes halbes Jahr“ lieferte die britische Autorin nicht nur die literarische Vorlage, sondern das Drehbuch gleich dazu.

Regisseurin Thea Sharrock verfilmte den Stoff und tauchte ihn in Bonbonfarben. So bunt haben wir England, wo die dramatische Liebesgeschichte angesiedelt ist, seit „Austin Powers“ nicht mehr gesehen. Die Klamotten von Protagonistin Louisa (Emilia Clarke) sind so quietschbunt wie ihr Zuhause. Mutter, Schwester und sie selbst sehen aus, als wären sie einer Cornflakes-Werbung entsprungen. Dabei steht die Familie vor dem Ruin. Denn der Vater ist arbeitslos. Damit sie und ihre Lieben nicht am Hungertuch nagen, muss Louise für den Lebensunterhalt sorgen. Dumm nur, dass sie ihren Job in einem Café verloren hat.

Doch Louise hat Glück im Unglück, denn schnell tut sich eine neue berufliche Perspektive für sie auf. Die reichsten Leute im Ort suchen eine Pflegerin für ihren Sprössling. Lebemann Will (Sam Claflin) ist seit einem Unfall ans Bett gefesselt und sehnt den Tod herbei. Ein ganzes halbes Jahr muss er noch durchhalten, das hat er seinen Eltern versprochen. Danach will er seinem Leben ein Ende setzen. Doch die Eltern verfolgen einen anderen Plan. Vielleicht gelingt es ihnen mit Hilfe der hübschen jungen Pflegerin, ihren Sohn von seinem Vorhaben abzubringen.

Es kommt, wie es kommen muss. Louise verliebt sich in den depressiven Schnösel, er offenbart ihr seinen weichen Kern. Das Leben ist schön, also leb und lieb mich- davon will sie Will überzeugen. Klassikkonzerte, Pferderennen – schnell taucht die ganz arme Louise in die Welt der ganz Reichen ein – Fremdschäm-Momente a la „My Fair Lady“ inklusive.

Happy End? Fehlanzeige. Denn Will will nicht mehr – trotz der aufkeimenden Gefühle. Das Ende ist so vorhersehbar wie der Ausgang der letzten Bundesligasaison … Und links und rechts von mir im Kino knisterten die Taschentücher und schnieften die Nasen. Nur bei mir wollten die Tränen nicht rollen. Warum? Es war einfach too much: Die Gesichter der Liebenden in Großaufnahme, die Musik schwillt an. Ihre Lippen beben. Er schließt die Augen. Und jetzt bitte weinen, liebe Zuschauer! Nein, danke. Das ist Gefühlsduselei mit dem Holzhammer. Da verweigere ich mich. Das ist so zum Heulen, dass es schon wieder amüsant ist. Wenigstens bin ich nicht eingeschlafen.

Warum man den Film nicht schauen sollte: Weil Weinen unter Fremden peinlich ist. Weil man Kopfschmerzen bekommt, wenn man die Tränen unterdrückt. Weil der Herz-Schmerz in „Ein ganzes halbes Jahr“ so zucker-klebrig-süß ist, dass es fast weh tut.

Warum man den Film trotzdem schauen sollte: Wegen Emilia Clarke, die als Louise den ganzen Film trägt, die trotz ihrer enorm beweglichen Augenbrauen einfach bezaubernd ist. Und auch wenn man nicht gelähmt und kein „Games of Thrones“-Fan ist, erliegt man schnell ihrer Präsenz und ihrem Charme.

Wie ist es mit euch? Geht ihr zum Weinen ins Kino oder in den Keller? Und welcher Film hat euch zuletzt so richtig zum Weinen gebracht?

„Ein ganzes halbes Jahr“ (USA 2016)
110 Minuten
Darsteller: Emilia Clarke, Sam Claflin, Janet McTeer, Charles Dance, Brendan Coyle, Jenna Coleman, Matthew Lewis
Regie: Thea Sharrock
Drehbuch: Jojo Moyes
Produktion: Alison Owen, Karen Rosenfelt
Kamera: Remi Adefarasin
Schnitt: John Wilson
Musik: Craig Armstrong

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