Auf die Tränendrüse – EIN GANZES HALBES JAHR

„Ein ganzes halbes Jahr“ mit Emilia Clarke und Sam Claflin. Foto: Ivonne Sielaff

Lebenslustige junge Frau verliebt sich in lebensmüden Millionär – die perfekte Konstellation für große Gefühle. Taschentuchkino hat seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Erst waren es die Romanverfilmungen von Nicholas Sparks und Cecelia Ahern, die den Kinobesuchern das Wasser in die Augen trieben. Jetzt ist auch Jojo Moyes in diesen illusteren Kreis aufgestiegen. Für „Ein ganzes halbes Jahr“ lieferte die britische Autorin nicht nur die literarische Vorlage, sondern das Drehbuch gleich dazu.

Regisseurin Thea Sharrock verfilmte den Stoff und tauchte ihn in Bonbonfarben. So bunt haben wir England, wo die dramatische Liebesgeschichte angesiedelt ist, seit „Austin Powers“ nicht mehr gesehen. Die Klamotten von Protagonistin Louisa (Emilia Clarke) sind so quietschbunt wie ihr Zuhause. Mutter, Schwester und sie selbst sehen aus, als wären sie einer Cornflakes-Werbung entsprungen. Dabei steht die Familie vor dem Ruin. Denn der Vater ist arbeitslos. Damit sie und ihre Lieben nicht am Hungertuch nagen, muss Louise für den Lebensunterhalt sorgen. Dumm nur, dass sie ihren Job in einem Café verloren hat.

Doch Louise hat Glück im Unglück, denn schnell tut sich eine neue berufliche Perspektive für sie auf. Die reichsten Leute im Ort suchen eine Pflegerin für ihren Sprössling. Lebemann Will (Sam Claflin) ist seit einem Unfall ans Bett gefesselt und sehnt den Tod herbei. Ein ganzes halbes Jahr muss er noch durchhalten, das hat er seinen Eltern versprochen. Danach will er seinem Leben ein Ende setzen. Doch die Eltern verfolgen einen anderen Plan. Vielleicht gelingt es ihnen mit Hilfe der hübschen jungen Pflegerin, ihren Sohn von seinem Vorhaben abzubringen.

Es kommt, wie es kommen muss. Louise verliebt sich in den depressiven Schnösel, er offenbart ihr seinen weichen Kern. Das Leben ist schön, also leb und lieb mich- davon will sie Will überzeugen. Klassikkonzerte, Pferderennen – schnell taucht die ganz arme Louise in die Welt der ganz Reichen ein – Fremdschäm-Momente a la „My Fair Lady“ inklusive.

Happy End? Fehlanzeige. Denn Will will nicht mehr – trotz der aufkeimenden Gefühle. Das Ende ist so vorhersehbar wie der Ausgang der letzten Bundesligasaison … Und links und rechts von mir im Kino knisterten die Taschentücher und schnieften die Nasen. Nur bei mir wollten die Tränen nicht rollen. Warum? Es war einfach too much: Die Gesichter der Liebenden in Großaufnahme, die Musik schwillt an. Ihre Lippen beben. Er schließt die Augen. Und jetzt bitte weinen, liebe Zuschauer! Nein, danke. Das ist Gefühlsduselei mit dem Holzhammer. Da verweigere ich mich. Das ist so zum Heulen, dass es schon wieder amüsant ist. Wenigstens bin ich nicht eingeschlafen.

Warum man den Film nicht schauen sollte: Weil Weinen unter Fremden peinlich ist. Weil man Kopfschmerzen bekommt, wenn man die Tränen unterdrückt. Weil der Herz-Schmerz in „Ein ganzes halbes Jahr“ so zucker-klebrig-süß ist, dass es fast weh tut.

Warum man den Film trotzdem schauen sollte: Wegen Emilia Clarke, die als Louise den ganzen Film trägt, die trotz ihrer enorm beweglichen Augenbrauen einfach bezaubernd ist. Und auch wenn man nicht gelähmt und kein „Games of Thrones“-Fan ist, erliegt man schnell ihrer Präsenz und ihrem Charme.

Wie ist es mit euch? Geht ihr zum Weinen ins Kino oder in den Keller? Und welcher Film hat euch zuletzt so richtig zum Weinen gebracht?

„Ein ganzes halbes Jahr“ (USA 2016)
110 Minuten
Darsteller: Emilia Clarke, Sam Claflin, Janet McTeer, Charles Dance, Brendan Coyle, Jenna Coleman, Matthew Lewis
Regie: Thea Sharrock
Drehbuch: Jojo Moyes
Produktion: Alison Owen, Karen Rosenfelt
Kamera: Remi Adefarasin
Schnitt: John Wilson
Musik: Craig Armstrong

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nein, ich bin nicht abgetaucht. Nach einer mehrwöchigen Zwangspause (Italien-Urlaub, Fußball-EM und Ferienspiele) werde ich mich diese Woche wieder voller Elan auf meine Website stürzen und euch mit Filmtexten verwöhnen. Wir lesen uns. Eure Ivonne von Cinemagisch