HUGO CABRET – Martin Scorsese weichgespült

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Denk ich an Martin Scorsese in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Nein, nicht etwa weil ich den Regisseur schrecklich finde, sondern weil seine Filme immer so aufregend sind. Der Mann kann Thriller („Kap der Angst“), Horror („Shutter Island“), Mafia-Epos („Good Fellas“), hat mit „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und vielen anderen Filmen Kinogeschichte geschrieben. Bis auf wenige Ausnahmen zeichnen sich seine Filme durch Nervenkitzel sowie durch ein gewisses Maß an Gewalt aus. Und das ist auch gut so.

Dass es auch einmal ohne Robert DeNiro und Leonardo DiCaprio, ohne Knarren und Blut geht, hat Martin Scorsese 2011 mit „Hugo Cabret“ bewiesen. Der Stoff war durch glückliche Umstände auf seinem Schreibtisch gelandet. Tochter Francesca hatte ihm das Kinderbuch „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ von Brian Selznick zum Geburtstag geschenkt – in der Hoffnung, dass er es verfilmen würde. Martin Scorsese biss an.

Hugo Cabret und der Automatenmensch

Die Geschichte des Waisenjungen Hugo ist Scorseses erster und bisher einziger Spielfilm, der auch für ein jugendliches Publikum geeignet ist. Trotzdem ist „Hugo Cabret“ kein klassischer Kinderfilm, sondern viel mehr als das.

Zur Handlung: Es ist einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Hugo (Asa Butterfield) lebt auf dem Pariser Bahnhof Montparnasse, bringt dort die Uhren zum Ticken. Alles, was ihm von seinem verstorbenen Vater (Jude Law) geblieben ist, ist ein kaputter Automatenmensch und Büchlein mit Notizen zur Reparatur. Hugos größter Wunsch ist es, das Werk seines Vaters zu vollenden und den Roboter in Gang zu setzen. Ersatzteile „besorgt“ er sich vom griesgrämigen Spielzeughändler (Ben Kingsley). Das geht so lange gut, bis er erwischt wird. Zur Strafe kassiert der Verkäufer das wertvolle Notizbuch ein und droht es zu verbrennen. Glücklicherweise erhält Hugo Hilfe von Isabelle (Chloe Grace Moretz), der Patentochter des Spielzeughändlers. Gemeinsam gelingt es den Kindern, den Automatenmenschen zu reparieren.

So weit, so gut: Zauberhaft, charmant, berührend und ganz und gar nicht typisch Scorsese. Und es wird noch besser. Der Automat beginnt zu zeichnen – auf dem Papier entsteht ein Szenenbild von „Reise zum Mond“, dem wohl berühmtesten Film von George Méliès, der – wie der Zufall will – ausgerechnet Isabelles Patenonkel, eben jener besagte Spielzeughändler, ist.

Die Filmlegende George Méliès

George Méliès gab es wirklich. Es muss ganz am Anfang meines Studiums in einer Vorlesung zum Thema Filmgeschichte gewesen sein, als ich zum ersten Mal von George Méliès hörte. Seine Enthusiasmus für das neue Medium und seine Ideen haben mich irgendwie berührt. Besonders das lachende Teiggesicht aus „Reise zum Mond“ und der explodierte Kopf sind mir im Gedächtnis geblieben.

Der Franzose George Méliès (1861-1938) gilt als einer der Pioniere der frühen Filmgeschichte. Zum Ende des 19. Jahrhunderts besuchte er eine der ersten Vorstellungen der Brüder Lumiere. Deren Cinematographe und Filme begeisterten den Zauberkünstler und Theaterbesitzer. Er baute sich eine eigene Filmapparatur und begann selbst Filme zu drehen. Anders als seine Zeitgenossen dokumentierte er nicht einfach nur die Realität. Er begann mit Schnitt, Doppelbelichtungen und Überblendungen zu experimentieren, entwickelte die Stop-Motion-Technik. Er schuf die allerersten Special-Effects und mit „Reise zum Mond“ den ersten Science-Fiction-Film der Kinogeschichte. Tausende von Filmen gehen auf Méliès Konto. Leider brach ihm die Filmbranche das Genick. Seine teuer produzierten Streifen konnten alsbald nicht mehr mit der billigeren Konkurrenz mithalten. 1913 ging Méliès pleite, musste tausende Meter Rohmaterial verkaufen. Später betrieb er mit seiner Frau einen Spielzeugladen auf dem Bahnhof Montparnasse. Der Kinovisionär und seine Filme waren in Vergessenheit geraten.

Martin Scorsese kann auch Happy End

Zurück zur Fiction: Bei Scorsese hat George Méliès mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. Er ist verbittert, will nicht mehr an seine Glanzzeiten erinnert werden. Mit ihren Nachforschungen reißen Hugo und Isabelle die alten Wunden auf. Als sich dann auch noch ein Professor für sein Werk zu interessieren beginnt, lässt sich Méliès erweichen und öffnet sich. Das Happy End im Film ist so schön wie die Wirklichkeit selbst.  Einige seiner Filme konnten gerettet und restauriert werden. Und George Méliès ist unvergessen, ist zumindest den Kinoenthusiasten noch immer ein Begriff.

Nachdem ich „Hugo Cabret“ das erste Mal gesehen hatte, verspürte ich den starken Drang, Martin Scorsese einen Brief zu schreiben. Ich wollte ihm danken – dafür dass er die Kinolegende George Méliès mit solch einem schönen Film zurück ins Licht der breiten Öffentlichkeit gebracht hatte – so begeistert war ich. Den Brief habe ich nie geschrieben. Mit meiner Rezension hole ich das jetzt nach.

„Hugo Cabret“ (USA, 2011)
127 Minuten
Darsteller: Asa Butterfield, Chloe Grace Moretz, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, Christopher Lee, Helen McCrory, Michael Stuhlbarg, Emily Mortimer, Jude Law, ray Winstone
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: John Logan
Musik: Howard Shore
Kamera: Robert Richardson
Schnitt: Thelma Schoonmaker
Produktion: Johnny Depp, Tim Headington, Graham King, Martin Scorsese

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120 Jahre Kino – Happy Birthday

Die wenigsten können von sich behaupten, am 28. Dezember 1895 in Paris gewesen zu sein. Genauer gesagt im Salon Indien des Grand Cafés. Was also haben wir verpasst? Die Brüder Louis Jean und Auguste Lumiere hatten das Lokal am Boulevard des Capucines angemietet, um ihre Erfindung, den Cinematographen, und einige selbstgedrehte Filme vor einem zahlenden Publikum zu präsentieren. Das Ticket kostete einen Franc. Diese Vorstellung vor genau 120 Jahren ist nicht nur als  erste öffentliche Filmvorführung Frankreichs in die Geschichte eingegangen, sondern vor allem als Geburtsstunde des Kinos.

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Poster Cinematographe Lumiere.  Foto: gemeinfrei

Von der Laterna Magica zu den laufenden Bildern

Es war nicht das erste Mal, dass die Brüder Lumiere ihren Cinematographen zeigten. So hatten sie ihre vielversprechende Apparatur bereits Monate vorher während eines mehrtägigen Kongresses der französischen Fotografenvereinigung vorgestellt. Auch waren die Lumieres nicht die ersten, die Filme vorführten. Tatsächlich arbeiteten in jenen Tagen Wissenschaftler in aller Welt parallel an einer Möglichkeit, die Bilder laufen zu lassen.

Ausgangspunkt war die Laterna Magica im 17. Jahrhundert, mit der man Bilder an eine Wand projizieren konnte, und die Erfindung der Fotografie um 1826. Stroboskop, Stereoskop und Panoptikum folgten und wurde im 19. Jahrhundert zu Jahrmarkt-Attraktionen.

Die ersten bewegten Bilder gelangen dem Briten Eadweard Muybridge mit seinen Serienfotografien eines galoppierenden Pferdes. In den USA stellte Thomas Alva Edison im Jahr 1891 seinen Aufzeichnungsapparat Kinetograph und sein Projektionsgerät Kinetoskop vor. Am 1. November 1895 präsentierten die Brüder Skladanowsky mit ihrem Bioskop neun Kurzfilme im Rahmen eines Varieté-Programms im Berliner Wintergarten. Dennoch war es die Erfindung der Brüder Lumiere, die sich letztlich durchsetzen sollte.

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Louis Jean und August Lumiere.  Foto: gemeinfrei

Louis Jean und Auguste Lumiere hatten einen Apparat entwickelt, der Aufnahme-, Kopier- und Abspielgerät in einem war – zu dem Zeitpunkt ein einmaliger Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Dazu kam, dass die Fabrikantensöhne nicht nur über reichlich Geld, sondern auch über Kontakte in die Wirtschaftsbranche verfügten, die ihnen ermöglichten, ihr Patent zu vermarkten.

Die Geburtsstunde des Kinos

Gerade einmal 33 Neugierige wohnten der ersten öffentlichen Vorstellung der Lumieres am 28. Dezember 1895 bei. Gezeigt wurden zehn Filme, darunter „Der begossene Gärtner“ (L’Arroseur arrosé) und die inzwischen legendäre „Ankunft eines Zuges im Bahnhof La Ciotat“ ( L’arrivée d’un train en gare La Ciotat). Keiner der Filme war länger als ein paar Minuten. Sie bildeten die Realität ab, dokumentierten alltägliche Ereignisse. Doch das Publikum war begeistert. Die neue Attraktion sprach sich in Paris herum. Schon bald waren die Sitzplätze im Salon Indien des Grand Cafés heiß begehrt. Nicht nur in Frankreich wollten die Menschen die bewegten Fotografien der Lumieres sehen. Der Cinematographe eroberte die Welt.  Und der Rest ist Geschichte – Kinogeschichte.

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Orson Welles – schneller Aufstieg, tiefer Fall

In diesem Jahr wäre Orson Welles 100 Jahre alt geworden. Seine Karriere umfasst gut 70 Filme sowie unzählige Theater- und Rundfunkauftritte. In Erinnerung geblieben ist Welles vor allem mit einem Film – „Citizen Kane“ (1941). Wegen seiner innovativen Bildsprache und Erzählweise gilt der Schwarz-Weiß-Streifen heute unter Experten als bester Film aller Zeiten. Gleichzeitig markiert er den Wendepunkt im Leben von Orson Welles – nämlich den Fall vom gefeierten Genie zum Buhmann von Hollywood. Wie kam es dazu?

Schneller Aufstieg

Als Kind eines Erfinders und einer Pianistin in Kenosha (Wisconsin), USA, geboren, galt er schon in jungen Jahren als Wunderkind. Mit drei Jahren debütierte er als Kleindarsteller am Chicagoer Opernhaus, entwickelte schon bald sein musikalisches Talent am Klavier. Als Zehnjähriger veranstaltete Theateraufführungen und gab eine Zeitschrift heraus. Mit 16 Jahren, inzwischen Vollwaise, ging er nach Irland und heuerte als Schauspieler am Theater an. Nicht etwa, weil sein Herz für die Schauspielerei brannte, sondern weil er Geld brauchte. „Ich habe nur angefangen Theater zu spielen, um zu essen“, sagte er in einem Interview. „Erst später habe ich mich ins Theater verliebt.“

Sein Publikum wusste er schneller zu überzeugen. Der Teenager übernahm Charakterrollen, fing selbst an zu inszenieren. Zurück in den USA landete Welles beim Rundfunk, leitete gleichzeitig das Mercury Theater in New York. Mit dem Hörspiel „Krieg der Welten“ nach einem Roman von H.G. Wells gelang ihm 1938 der Durchbruch. Seine fiktive Live-Reportage über eine Invasion von Außerirdischen führte angeblich sogar zu einer Massenpanik. Hunderte besorgte Anrufe gingen in den Radiostationen ein. Welles musste sich öffentlich entschuldigen. Und plötzlich kannte jeder seinen Namen. Auch Hollywood wurde auf den 23-Jährigen aufmerksam. Er wurde mit Angeboten überhäuft. „Jeder würde sich so einen Vertrag wünschen“, so Welles später. „Regisseur, Produzent, Autor und Schauspieler in einer Person und dazu die absolute künstlerische Kontrolle.“

„Citizen Kane“ und der tiefe Fall

Mit Inbrunst stürzte er sich in sein erstes Spielfilmprojekt „Citizen Kane“ über den Aufstieg und Niedergang eines Mannes, der fast alles hat und wieder verliert. Über „Rosebud“, das letzte Wort eines Sterbenden, und den Versuch, dessen Bedeutung zu entschlüsseln. (Link zum Trailer) Orson Welles selbst spielte diesen Charles Foster Kane – vom enthusiastischen Jungspund bis zum desillusionierten alten Mann. Darüber hinaus war er am Drehbuch beteiligt, führte Regie und überwachte den Schnittprozess. Mit „Citizen Kane“ war Orson Welles ein Geniestreich gelungen. Mit seinen Kamerafahrten, den extremen Perspektiven, der Tiefenschärfe, der Montagetechnik und der daraus resultierenden verschachtelten Erzählweise revolutionierte er das Kino seiner Zeit. Dennoch wurde der Film damals vom Publikum ignoriert und von den Kritikern verrissen. Der Millionär und Verleger William Randolph Hearst hatte sich in der vom Ehrgeiz zerfressenen Hauptfigur wiedererkannt. Zwar gelang es ihm nicht, „Citizen Kane“ zu stoppen. Aber Hearst verhinderte, dass die großen Kinoketten den Film ins Programm nahmen.

Der Skandal sorgte für ein schnelles Ende von Welles Karriere in Hollywood. Nach mehreren Misserfolgen verlor er seinen Vertrag. Um eigene Filmprojekte finanzieren zu können, war er gezwungen, auch Rollen in minderwertigen Filmen anzunehmen. Viele seiner Projekte blieben unvollendet. Obwohl er besessen davon war, Publikum und Kritiker zu begeistern, ein Meisterwerk wie „Citizen Kane“ gelang ihm nie wieder.

Am 10. Oktober 1985 starb Orson Welles – der Zeichner, Magier, Stierkämpfer, Schauspieler, Regisseur, Herausgeber – das Multitalent. Auf seinem Schoss soll eine Schreibmaschine gestanden haben. Er schrieb an einem neuen Drehbuch, heißt es. Seine letzten Worte sind nicht überliefert.

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Der Tramp – eine Legende im Watschelgang

Nur wenige Minuten dauert der erste Auftritt von Charlie Chaplin als Tramp. In dem Stummfilm „Kid Auto Races at Venice“ (Link zum Film) erobert der kleine Landstreicher mit dem Schnurrbart und der Melone erst die Leinwand und dann ein Millionenpublikum. Warum er mich noch heute fasziniert, lest ihr hier.

Charlie Chaplin erfindet den Tramp

Es brauchte nur eine Melone, ein Schnurrbärtchen und ein wenig Theaterschminke, um eine Legende zu erschaffen. Vor über 100 Jahren hat Charlie Chaplin als Tramp die Leinwand erobert. „Kid Auto Races at Venice“ feierte am 7. Februar 1914 Premiere. Der erste Auftritt von Chaplins Alter Ego ist nur wenige Minuten lang. Der kleine Landstreicher ist Zuschauer bei einem Seifenkistenrennen. In dem für ihn später typischen Watschelgang gerät er immer wieder vor die Kameras der Reporter, bringt sie damit zur Verzweiflung.
In jener Zeit werden Filme wie am Fließband produziert – Stummfilmklamotten ohne Drehbuch, die Gags sind improvisiert. Dennoch ist „Kid Auto Races“ etwas Besonderes, legt der Film doch den Grundstein für Chaplins Weltruhm. In den Londoner Slums aufgewachsen, zieht es den jungen Chaplin schon früh ans Theater. Dank seines schauspielerischen Talents steigt er bald zum Hauptdarsteller auf. 1913 tourt er mit einer Theatergruppe durch die USA und wird von „Komödien-König“ Mack Sennett für den Film entdeckt. Für den 24-Jährigen geht ein Traum in Erfüllung.

„Ich verstand wenig vom Film“, schreibt Chaplin in „Die Geschichte meines Lebens“. „Aber eines wusste ich: Nichts war wichtiger als die Persönlichkeit.“ Die ersten Drehtage verlaufen enttäuschend für ihn, zu sehr unterscheidet sich die Arbeit beim Film vom Theaterspielen. Er ist verwirrt und unsicher. „Schmink dich irgendwie komisch“, habe Mack Sennett zu ihm gesagt. „Als ich auf dem Weg zur Requisitenkammer war, kam mir eine Idee“, erinnert sich Chaplin später. „Alles sollte einander widersprechen. Die Hose musste weit sein, die Jacke eng, der Hut klein, das Schuhwerk groß. Zunächst wusste ich noch nichts von dieser Figur. Aber als ich das Kostüm am Leib hatte, ließen mich die Kleider und Schminke fühlen, was das für ein Mensch war.“

Filmstar

Als Tramp avanciert Chaplin zum Publikumsliebling. Die Menschen mögen den gutmütigen kleinen Kerl, der sich nicht unterkriegen lässt und der Obrigkeit die Stirn bietet. Mit ihm können sie sich identifizieren. Er ist einer von ihnen. Ständig verlangen die Zuschauer nach neuen Abenteuern des kleinen Landstreichers, und Chaplin liefert sie ihnen am laufenden Band. Ob als Rollschuhfahrer, Vagabund, Feuerwehrmann oder Artist – Chaplin und sein Tramp feiern einen Erfolg nach dem nächsten. Die Studios reißen sich um den neuen Filmstar, überbieten einander mit Rekordgagen. Doch Chaplin geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um künstlerische Freiheit. Um dem Monopol der etablierten Studios entgegenzutreten, gründet er 1919 zusammen mit den Schauspielern Mary Pickford, Douglas Fairbanks und dem Regisseur D. W. Griffith den unabhängigen Filmverleih United Artists.

Chaplin wirkt nun nicht mehr nur als Schauspieler und Regisseur, sondern gleichzeitig auch als Produzent, Drehbuchautor, Cutter und Filmkomponist. Längst hat er sich von der einfach gestrickten Slapstick-Komödie verabschiedet, um Raum für sozialkritische Zwischentöne zu schaffen. Themen wie die Einwanderungspolitik der USA, das Leid von Waisenkindern und Benachteiligten rücken in den Mittelpunkt seiner Streifen. Als Filmemacher ist Chaplin gereift, bedient sich einer gefühlsbetonteren Erzählweise, bei der Tragik und Komik miteinander verschmelzen. „ The Immigrant“ (1917), „The Kid“ (1921) und „Lichter der Großstadt“ (1931) sind nur einige Beispiele dafür.

Modern Times

Ende der 1920er Jahre setzt sich der Tonfilm durch. Trotz seiner enormen Popularität sind die Tage des Tramps gezählt. Auch Chaplin spielt in dieser Zeit mit dem Gedanken, einen Tonfilm zu produzieren. „Es würde bedeuten, dass ich mich von der Rolle des Tramps ein für alle Mal lösen müsste“, schreibt er in seiner Autobiografie. „Es gab Leute, die vorschlugen, dass der Tramp sprechen solle. Das war undenkbar. Ich hatte mir überlegt, wie der Tramp sprechen könnte, ob ganz einsilbig oder vielleicht nur im Flüsterton, doch das half alles nichts. Wenn ich sprach, dann war ich ein Schauspieler wie jeder andere.“
Also dreht Chaplin einen weiteren, seinen letzten Stummfilm. In „Modern Times“ (1936) verzweifelt der Tramp an den Auswüchsen von Kapitalismus und Industrialisierung. Massenarbeitslosigkeit, Streiks, Verelendung – der kleine stumme Kerl findet keinen Platz in dieser lärmenden modernen Zeit. Am Ende des Filmes lässt Chaplin ihn deshalb ziehen. Er watschelt in den Sonnenuntergang – ein letztes Mal. Doch diesmal ist er nicht allein. Mit einem Mädchen im Arm verschwindet der Tramp von der Bildfläche. Für immer. In den Herzen seiner Fans lebt er bis heute. (Link zur Szene)

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